Seelsorge
Wir, die ins Leben gehen, grüßen euch, die Toten.
Prof. D. Dr. Helmut Thielicke, Hamburg:
Als einer meiner liebsten Studenten im Sterben lag, blieb ich in den letzten Nächten bei ihm in seinem Klinikzimmer. Er musste durch schreckliche körperliche Qualen und Atemnot und griff immer wieder verzweifelt nach meiner Hand. Plötzlich bimmelte die Sechs-Uhr-Morgenglocke einer kleinen Kapelle in der Nähe. Da strahlte er mich an und sagte: "Hörst du die Osterglocken? Jetzt ruft er mich, siehst du: jetzt stehe ich auf."
Das kümmerliche Glöckchen, das nur einen normalen Erdentag einläutete, wurde ihm in seiner letzten Not zum Signal des Osterfürsten, dem er im Leben vertraut hatte und der ihn nun dem finsteren Tal der Todesangst entriss.
Als diese wunderbare Wandlung des simplen Gebimmels geschah, da wusste der Sterbende, dass auch sein qualgeschüttelter und nichtiger Leib verwandelt und in das Sein des "Ganz andern" verklärt werden würde. Nein, er war schon hinübergegangen in dieses "Ganz andere", träumend und aller Erdennot entnommen. Er grüßte mich schon von der anderen Seite wie einen, den er in der Todeswelt zurückließ.
Und unwillkürlich dachte ich an das Wort eines Märtyrers, der im Namen seiner Mitbrüder dem Exekutionskommando zurief, ehe die tödliche Salve krachte: "Wir, die ins Leben gehen, grüßen euch, die Toten."
Quelle: Worauf ist Verlass? | aus dem Artikel "Tod und Zukunftsgestaltung" | 1. Auflage | Kreuz Verlag Stuttgart 1973
Ulrich Bohlken
27.04.2009
Der Inhalt ist unter einer Creative Commons-Lizenz lizenziert.
Ullis Materialbörse - www.stoebern.istcool.de
© 2009 - Jegliche kommerzielle Verwertung bedarf der Zustimmung!
